Individualität und eigene Entscheidungen von Familien sollten mehr Berücksichtigung finden

-        Fazit zur OECD Studie "Dare to Share" -

Die Studie ist wahrlich keine gut zu lesende Lektüre. Dies liegt zum einen an mehrfachen Dopplungen und sich teilweise widersprechenden Aussagen. Ich vermute, dass die einzelnen Kapitel von unterschiedlichen Autoren verfasst wurden und mir scheint, diese waren untereinander nicht gut abgestimmt. Vielleicht sollten die häufigen Wiederholungen auch dazu dienen, den Leser in einem neuen Kapitel „abzuholen“, so dass auch das Lesen eines einzelnen Kapitels Sinn macht. Dies wird jedoch nirgends erwähnt und sollte es die Intention der Verfasser gewesen sein, ist diese leider nicht geglückt. Vielmehr wird das Lesen erschwert und der Leser zunehmend entnervt.

Wissenschaftlich gesehen finde ich es besonders problematisch, dass in der Studie mit vagen Aussagen wie ein nicht unerheblicher Teil, verbreitet, im Durchschnitt, relativ lange, relativ kurze gearbeitet wird, statt mit für sich sprechenden Zahlen. Hinzu kommt, dass thematisch passende Thesen nicht zusammenhängend dargestellt sondern über etliche Kapitel verteilt werden. Mir scheint es, als werden bestimmte Angaben an Stellen gemacht (oder eben nicht), um gewünschte Wirkungen zu erzielen. Es bleibt ein fader Beigeschmack, dass der Leser verwirrt oder beeinflusst werden soll. Dieser wird verstärkt, da die Studie vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bezuschusst wurde. Wie bereits zu Beginn der Studie erwähnt, soll der Bericht „die Bundesregierung bei ihren Anstrengungen zur Förderung von mehr Partnerschaftlichkeit in Familie und Beruf unterstützen.“ Gerade deswegen sollte eine wissenschaftlich fundierte Studie alle (nicht) vorhandenen Maßnahmen kritisch beleuchten und die Kritik auch mittels Daten belegt werden. Dies fehlt mir hier leider. Hingegen werden teilweise Empfehlungen gemacht, mit denen sich die Studie merkwürdigerweise inhaltlich nur mit ganz wenigen Sätzen befasst oder gar kaum auseinandersetzt (Bsp.: Die Empfehlung auf einen Anspruch auf Rückkehr in Vollzeit oder die außerschulische Betreuung für Kinder im Grundschulalter).

Ich hatte mir einige neue Impulse, Zahlen, Daten und Fakten erhofft. An mancher Stelle wurde meine Neugier zwar geweckt, jedoch fehlten dann weitere Erläuterungen oder Zahlen, um die sich mir ergebenden Fragen nach dem „warum“ zu beantworten.

Beispielhaft sei hier erwähnt:

-        „In den neuen Bundesländern hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigung unter den erwerbstätigen Müttern zwischen 1995 und 2012 fast verdoppelt, von 23% auf 44%.“ Das ist eine interessante Tatsache, da doch das öffentliche Kinderbetreuungsangebot in den neuen Bundesländern gerade in den Jahren bis zum starken Ausbau in den alten Bundesländern deutlich höher war. Bedauerlicherweise werden hier keine möglichen Erklärungen gegeben.

-        Frauen in Norwegen wenden demnach 210 Minuten für unbezahlte Arbeit auf; Männer 160 Minuten. Auf einen Haushalt bezogen müsste dies im Durchschnitt heißen, dass 370 Minuten am Tag für unbezahlte Arbeit aufgebracht werden. In Korea sind es dagegen nur 230 plus 45 Minuten, d.h. zusammen 275 Minuten. Auch hier hätte ich mir eine nähere Erklärung gewünscht. Werden in Korea mehr haushaltsnahe Dienstleistungen eingekauft oder übernehmen andere Familienmitglieder wie z.B. Großeltern oder Kinder einen Teil der Arbeit?

-        2014 lebten rund 83,1% der Kinder in einem Haushalt mit zwei Elternteilen. Interessant ist, dass in Deutschland deutlich mehr Kinder bei verheirateten Eltern aufwachsen als in vielen anderen europäischen OECD-Ländern. 2014 lebten rund 75,6% der Kinder in Deutschland mit zwei verheirateten Elternteilen zusammen, verglichen mit weniger als 60% in Frankreich und vielen nordeuropäischen OECD-Ländern (Estland, Island, Norwegen und Schweden). Gleichzeitig wachsen mehr Kinder bei zwei unverheiratet zusammenlebenden Elternteilen auf. Hier hätte ich die Zahl der Eheschließungen und Scheidungsraten interessant gefunden; d.h. wachsen in Deutschland mehr Kinder bei verheirateten, leiblichen Eltern auf, weil mehr Eltern heiraten oder weil die Scheidungsraten geringer sind als in anderen OECD Ländern? Oder sind die Scheidungsraten zwar hoch, aber gleichzeitig auch die Wiederverheiratungsraten, so dass  Kinder zwar häufig mit zwei verheirateten Elternteilen aufwachsen, ein Elternteil jedoch nicht das leibliche ist?

-        Väter nehmen eigenen Angaben zufolge seltener Elternzeit, weil sie Karriereeinbußen befürchten.  Hier hätte ich mir mehr Informationen gewünscht, warum Väter dies so empfinden und hinnehmen müssen. Zudem fehlt mir hier auch eine Empfehlung an die Politik. Wie sollen Väter unter diesen Voraussetzungen ermutigt werden, (längere) Elternzeit zu nehmen?

Wichtig wäre auch ein Hinweis gewesen, dass einzelne Maßnahmen für sich nicht die gewünschte Wirkung von mehr Partnerschaftlichkeit erzielen, sondern dass dies nur durch die Summe vieler unterschiedlicher Maßnahmen erzielt werden kann. Beispielhaft soll hier erwähnt werden, dass durch den Ausbau der Kinderbetreuung Frauen zwar mehr Zeit für die Erwerbsarbeit haben, hierdurch aber kein Anreiz gesetzt wird, dass die Väter sich stärker an der Kinderbetreuung beteiligen.

Für alle, die sich – aus unterschiedlichen Gründen – mehr Partnerschaftlichkeit wünschen, zeigt die Studie zumindest auf, was mögliche Wege zu einer Verbesserung sein könnten; auch wenn diese leider nicht immer in der eigenen Hand, bzw. in der Hand der Partner liegen. Doch was ist mit den Eltern, die sich gar nicht mehr Partnerschaftlichkeit wünschen? Wie auch die Studie zugeben muss, gibt es nach wie vor Frauen, die nicht oder nicht mehr Stunden arbeiten möchten. Mag sein, dass sie dies nicht möchten, weil sie so viele andere Verpflichtungen haben und der Mann zeitlich wenig verfügbar ist. Mag aber auch sein, dass sie sich ihr Modell unabhängig von Rollenklischees, gesellschaftlichen Normen, Anforderungen der Politik und sogar auch mit dem Wissen um das Risiko im Falle einer Scheidung genauso und mit voller Absicht ausgesucht haben. Weil sie einfach gerne viel Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten und weil sie sich einfach gerne um ihre Familie kümmern. Forderungen oder auch nur Gedanken, wie diese Gruppe unterstützt werden kann, werden einfach nicht gemacht. Meiner Meinung nach sollte jeder Familie das notwendige Wissen zur Verfügung gestellt werden, um eigene Entscheidungen abzuschätzen und tragbar zu machen. Gleichzeitig sollte jede Familie die Möglichkeit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie es für alle Familienmitglieder am besten ist, ohne gleich einem Stigma zu erliegen. Politische Maßnahmen sollten daher die individuellen Bedürfnisse der Familien im Blick haben und weniger eigene Interessen verfolgen.

 

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